Zillertaler Bergführer
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Die Erschließung Zillertaler Alpen von Dr. Carl Diener in Wien 1840

Die Geschichte der Erschließung des Hochgebirgsantheiles der Zillerthaler Gebirgs-gruppe bietet in mehrfacher Richtung bemerkenswerthe, für die Entwicklung der Alpinistik in den österreichischen Alpen bedeutsame Eigenthümlichkeiten dar. Obwohl schon zu Anfang des Jahrhunderts der Grosse Greiner als Mineraliencabinet Tirols berühmt war, und Peter Anich bereits die Namen mehrerer Hochgipfel der Gruppe bekannt waren, reichen doch die ersten Versuche einer Ersteigung derselben kaum ein halbes Jahrhundert zurück. Und auch dann sind es auffallender Weise nicht die Culminationspunkte, die zuerst das Interesse auf sich ziehen und denen, wie in den Oetzthaler und Ortler Alpen, der Glockner und Venediger Gruppe zunächst die Versuche unternehmender Pioniere gelten.

Wohl die älteste Beschreibung der drei grossen Gletscher des Zemmgrundes findet sich bei F. von Paula Schrank und K.E von Moll aus dem Jahre 1783. 1) Es ist der erste Bericht, der über eine Excursion in das eigentliche Zillerthaler Hochgebirge auf uns gekommen ist. Um das Jahr 1800 besuchte Gebhard auf Anregung des Erzherzoges Johann den Zemmgrund. Aehnlich naturhistorische Excursionen fanden auch in den Folgejahren statt, allein weder die bisher genannten Forscher, noch Vierthaler, dem wir eine sehr interessante Publication über seine Wanderungen in dem Gebiete des damaligen Erzbistums Salzburg verdanken, wissen über Gipfelbesteigungen in den Zillerthaler Alpen zu berichten. Solchen begegnen wir zuerst vereinzelt in den Vierzigerjahren. Am 1. September 1840 erstieg Professor Thurwieser die Ahornspitze 2971 m. als der erste Fremde und veröffentlichte eine sorgfältige Beschreibung des Löfflers 3382 m. und Tristners 2768 m. aus. In das Jahr 1846 fallen abermals zwei bedeutende Unternehmungen Thurwieser´s.

Die eine derselben galt dem Thurnerkamp, doch gelangten die zur Recognoscierung ausgesendeten Führer nur bis auf Trattenjoch, wobei sie bei dem Versuche, auf der Südseite des Hauptkammes abzusteigen, beinahe verunglückt wären.Besser gelang das zweite Unternehmen, die Ersteigung des Grossen Mörchners 3270 m. an der Thurwieser persönlich theilnahm.

Den nächsten Anstoss zur Ersteigung einer Reihe hervorragender Erhebungen der Gruppe gab die Militär – Triangulirung von Tirol in den Jahren 1852 – 1854. Im Jahre 1852 wurden auf dem Schwarzenstein 3370 m., Grünberg 2864 m.,

Hochsteinflache 2759 m., Kraxentrager 2995 m., Hollenzkopf 2779 m., der Ahornspitze 2971 m., Wilden Kreuzspitze 3135 m. und  Geyerspitze 2856 m. trigonometrische Signale errichtet. Dasselbe geschah während der beiden folgenden Jahre auf dem Rauchkofel 3248 m. und dem Schönbichler Horn 3132 m.

Die nächste für die Erschließung der Zillerthaler Alpen bedeutsame Periode von 1858 bis 1866 wird durch die Unternehmen von Anton von Ruthner und Paul Grohmann charakterisirt. In der Zeit vor derselben fällt ausser wiederholten Besuchen der Löffelspitze nur die Ersteigung der Reichenspitze 3305 m. im Jahre 1856 durch einen Bauer in Prettau. Es ist dies neben der zweiten Ersteigung desselben Berges im Jahre 1865 und der angeblichen ersten Ersteigung des Thurnerkamps durch Johann Kirchler die einzige hochtouristische Leistung innerhalb unserer Gruppe, die aus Initiative einheimischer Bergsteiger hervorging.

Die Bedeutung von Ruthner´s für die Erschliessung der Zillerthaler Alpen liegt weniger in seinen touristischen Erfolgen als in seinen Beiträgen zur Klarstellung der topographischen Verhältnisse 2) der von ihm besuchten Gebiete. Von der Besteigung des Schwarzensteins von der Nordseite abgesehen, scheiterten fast alle seine grösseren Unternehmungen, so jene auch den Mösele, den Olperer und die Reichenspitze.

Dagegen gelang Grohmann, in den Sommern 1865 – 1867 den Hochfeiler 3523 m., den Olperer 3480 m. und die Reichenspitze 3305 m. von der Gerlos aus auf einem Wege zu ersteigen, welcher bereits im Jahre 1865 von drei Einheimischen begangen worden war. F.F. Tuckett, dessen Gesellschaft zu jener Zeit ihren für die Entwicklung der Hochtouristik in Oesterreich so bemerkenswerten Siegeszug durch die Ostalpen unternahm, berührte im Jahre 1865 auch das Zillerthaler Hochgebirge und führte daselbst die Ersteigungen und Ueberschreitungen des Mösele 3486 m. aus. Nicht minder erfolgreich war eine zweite englische Expedition im Jahre 1872, bestehend aus W.H. Hudson, C. Taylor und R. Pendlebury, due unter Anderen die erste beglaubigte Besteigung des Thurnerkamps 3422 m. zu verzeichnen hatte.

In die Zeit der Excursionen A. von Ruthner´s fallen ferner Ueberschreitungen des Schwarzensteingletschers durch Haushofer und Stüdl im Jahre 1864 und die Ersteigung der nördlichen Gefrorene Wandspitze 3291 m. durch Dr. Berreitter (1867), sowie die wichtigen kartographischen Arbeiten des Obersten K. von Sonnklar, durch welche eine für bergsteigerische Bestrebungen überaus wertvolle topographische Grundlage geschaffen wurde.

Während bis zum Jahre 1874 die Hochgipfel der Zillerthaler Gebirgsgruppe im Vergleich zu denjenigen benachbarten Gebiete in auffallender Weise vernachlässigt blieben – nur Wallner´s Touren in der Reichenspitz Gruppe, die Traversierung der Reichenspitze durch M. von Frey und Gussenbauer, die ersten Ersteigungen der südlichen Gefrorene Wandspitze 3266 m. und des Grossen Greiner 32003 m. verdienten Erwähnungen – wurde in diesem Jahr durch die Alpenvereinssection Taufers im Arnthale eine Operationsbasis geschaffen, von der aus in der nächsten Zeit die meisten namhafteren Spitzen des Hauptkammes theils zum ersten Male, theils aud neuen Wegen bezwungen wurden. An dieser dankbaren Aufgabe betheiligten sich besonders Dr. J. Daimer. Th. Harpprecht, R. Seyerlen, Dr. V. Hecht und V. Sieger.

Das Verdienst, auch dem Zillerthal seine gebührende Stellung als Ausgangspunkt für Hochtouren in den Kreisen der Alpinisten wiedererobert zu haben, gebührt Dr. Ferdinand Löwl, der durch sein vortreffliches Buch << Aus dem Zillerthaler Hochgebirge >> die Schönheiten jenes Gebietes einer unverdienten Vergessenheit zu entreisen verstand.

Durch die Thätigkeiten der Sectionen Prag und Berlin des D.u.Oe. Alpenvereins ist das Zillerthaler Hochgebirge dem touristischen Verkehre seither in einer Weise erschlossen worden, dass heute nicht nur bereits fast alle bemerkenswertheren Gipfel in der Umrandung des Zemmthales auf den meisten interessanten Routen erstiegen sind, sondern es hier nunmehr fast ebenso schwierig hält, neue Probleme zu ersinnen und auszuführen als in den grossen Tourencentren der Schweiz und Savoyens. Anders liegen die Verhältnisse in dem westlichen Flügel der Gruppe, wo sich Liebhaber neuer Unternehmungen noch vor wenigen Jahren ein fast jungfräuliches Arbeitsfeld eröffnete und auch heute noch trotz der Zunahme des Besuches manche dankbare Aufgabe bietet.

1)  << Naturhistorische Briefe über Oesterreich, Salzburg, Passau und Berchtesgaden >>, Salzburg 1785, I. Bd, 75—134.

2) Oe.A.V Jb - 1867, Dr. A. v. Ruthner << Mit dem grossen Eisgebilde des Tuxer Hauptkammes, der Gefrorenen Wand, hängen dann auch die übrigen ansehnlicheren Ferner des Gebietes zusammen. Zwar treten der Wildlahner- Ferner und der Alpeiner- Ferner in Fals-Alpein selbständig auf, wenn gleich an manchen Stellen die Eisbedeckung des Olperer ihren Zusammenhang mit der Gefrorenen Wand vermittelt. Unmittelbarer steht bereits der Kaserer- Ferner im Hintergrunde des Schmirner Talastes, des Kaserer-Thales, mit der Gefrorenen Wand in Verbindung und der Kasererferner-Kopf, welchen der Kataster Kaserer-Grat nennt, 9678 F., und welchen wir schon von der Kalten Herberge her kennen, kann füglich zu den Bergen aus der Umrandung des Tuxer- Ferners gerechnet werden.

Aber vollends der Unterschrammach- Ferner muss als der Gegenferner der Gefrorenen Wand mit dem Abfluss der ganzen Südabdachung des Tuxer- Rückens zum Pfitscher Gründl angesehen werden. Er ist es nämlich, dessen höchste Firnkare, nur durch die fast unmerkliche eisige Erhebung zwischen dem Hauptrücken nahe nördlich vom Olperer und dem Gefrorenen Wandspitz von jenen der Gefrorenen Wand getrennt sind. Er umgürtet die Ost- und Südseite des Olperer und über ihn führt der bei den bisherigen Ersteigungsversuchen eingeschlagene Weg auf den Olperer.

Und nun müssen wir auch die Gefrorene Wandspitze näher kennen lernen. Ich habe den Namen bereits wiederholt genannt und darünter die nächste auf den Fussstein-Olperer im nordöstlichen Zuge des Tuxer Hauptkammes folgende Hochspitze verstanden. Jetzt liegt sie uns auf unserem Standpunkt in Nordosten gegenüber.

Ihre beiden Spitzen, die eine in Norden, die andere in Süden, verbindet ein eisiger Kamm, der oberste Rand der als des Berges Westwand nicht zu steil aus dem Firngebiet der Gefrorenen Wand und des Unter- Schrammachferners aufsteigenden Schneefelder. Sie fallen, die nördliche gegen Norden, die südliche südwärts steil ab. Die südliche tritt als ein kleines Felsköpfchen auf, die nördliche ist noch schärfer zugespitzt und das Eis reicht von der Südseite ganz auf ihre Höhe; dafür zeigt sie einen auf ihrer westlichen Seite beginnenden und sich tief herabsenkenden Felsdurchbruch, der sich später unter dem Schnee der Westabdachung verliert.

Der Name dieses Doppelberges ist gleichfalls ein bestrittener. In der Generalstabskarte finden wir dort, wo die nördliche Spitze liegt, die Bezeichnung : Gefrorene Wand; sie scheint aber nach der Beschreibung in der Section mehr dem Ferner als der Spitze zu gelten, um so mehr, als sonst der grosse Tuxer Ferner vom Generalstab mit einem Namen nicht bezeichnet wäre. In der Section treffen wir nebsten das Wort „Riepenköpfe“ beiläufig in der Mitte zwischen den beiden Spitzen an.

Carl Albert Sonklar von Innstädten der österreichische Militärgeograph und -Vermesser nannte den Berg Olperer und hat den nördlichen Gipfel mit 10.359 Fuss, den südlichen mit 10.333 Fuss gemessen. Die Katastralkarten endlich enthalten an der Stelle wo sich der nördliche Gipfel befindet, den Namen Gefrorene Wandspitze mit der Höhenangabe von 10.387 Fuss. Durch die letztere Höhenbestimmung wird die Indentität dieses Gefrorene Wandspitzes mit Sonklars nördlichen Olperergipfel zweitellos, besonders da beide, der Kataster und Sonklar, bi ihrer Bestimmung den einzigen auffälligen Gipfel zwischen dem umbestrittenen Culminationspunkt und dem gleichfalls unbestrittenen Rifalkopf meinen.

Ich glaube, in dieser Frage mich ohne Anstand für den Namen Gefrorene Wandspitz für die nördliche Spitze aussprechen zu dürfen. Dazu Bestimmt mich, dass schon in der Anich´schen Karte der Name Gefrorene Wand mit dem Stern, dem Zeichen eines besonders hohen Berges, vorkommt, so wie der Umstand, dass eben an dieser Spitze ein grosser Theil des Firngebietes des Tuxer Gletschers, der Gefrorenen Wand, zu suchen ist, was beim Olperer nicht der Fall, weil er, wenn auch über dem Tuxer Gletscher sichtbar, doch, wie aus dem Vorausgehenden zu erkennen, nicht mehr in das firngebiet desselben gehört.

Allein auch der Name Rippenköpfe für den Doppelberg scheint mir eine berechtigte Bezeichnung zu sein. Denn östlich unter den beiden Spitzen befindet sich der Rippenferner, dessen Abflüsse in den Zamsergrund nebst anderen Wasserfällen auch den schönen Friesenberger Fall bilden. In der Nähe der Zamseralpen, von denen man den Berg als feinen eisigen Hochsattel sieht, mündet nebstdem der schon bei Peter Anich erscheinende Rippenbach in den Zmaserbach und befindet sich noch heute die Rippenalpe.

Ich glaube daher, dass man beide Spitzen die Rippenköpfe und den nördlich derseleben noch insbesondere die Gefrorene Wandspitze nennen soll und halte den Beisatz „Spitze“ zu Gefrorene Wand für den Berg darum für zweckmässig,um ihn eben vom Tuxer Gletscher, welcher jetzt schon allgemein den Namen Gefrorene Wand behauptet, zu unterscheiden. Dagegen muss ich den Namen Olperer für unseren Berg als unmotiviert ansehen. >>

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